Brüssel - Ein Wochenende in Europa


Die Verkehrsführung war immer schon eine einzige Katastrophe. Jedes Mal wenn ich mal wieder in England arbeiten durfte und nachhause wollte, stand ich im mörderischen Stau der Ringautobahn. Nach einem fehlgeschlagenen Versuch die Stadt als Abkürzung zu durchqueren, konnte ich es nicht nachvollziehen wie Brüssel es zum Hauptsitz der EU und der NATO geschafft hatte. Straßenschilder und Wegweiser zur Autobahn waren Mangelware und niemand schien sich an irgendeine Verkehrsregel zu halten. So hatte ich jahrelang Brüssel in Erinnerung ohne wirklich die schöne Seite des Zentrums gesehen zu haben. Das konnte nicht so bleiben.

Suse wollte wegen der belgischen Schokolade hin, ich wegen der Pommes. Soviel zu Klischee - aber die sind auch gut.

In der Stadt angekommen finden wir gleich unterhalb des Justizpalasts das Viertel Marolles mit seinen vielen kleinen Antiquitätengeschäfte, Boutiquen und Secondhand Läden und verbringen Stunden hier. Gleich um die Ecke, am Place du Jeu de Balle findet jeden Sonntagmorgen der große Flohmarkt statt und heute ist Sonntag – welch Glück. Ich muss sagen, es fällt wirklich schwer nicht mit einem überfüllten Auto nachhause zu fahren. Jeder Stand bietet richtig tolle Antikwaren, Schallplatten und etwas verrückte Secondhand Klamotten.

Brüssel ist cool und für einen sonnigen Dezembertag erstaunlich belebt. Die Terrassen vor den Straßencafes sind voll besetzt, einige Straßenmusiker sorgen für gute Stimmung und schon am Nachmittag wechselt man von den Cafes zur Bierkneipe. Tolle Stadt!!. Bierkneipe trifft es nicht ganz, denn eigentlich sind die Bars in Brüssel schon etwas anders, etwas Besonderes. Die Bierkultur ist total umfangreich und gepflegt. Wie Sommeliere beraten uns die Kellner bei der riesigen Auswahl der besten Biere. Sogar Schokoladenbier gibt es – Suses win/win Situation.

Die Brüssler scheinen ein wirklich kreatives Völkchen zu sein, jedenfalls hat Streetart einen hohen Stellenwert in der Stadt. Viele gute Arbeiten sehen wir bei unserem Bummel, aber am meisten fallen die riesigen berühmten Wandbilder der belgischen Comichelden auf den Hausfassaden auf. Das hatte ich ganz vergessen – Belgien ist die Hochburg der Comiczeichner. Lucky Luke wurde hier gezeichnet und natürlich Tim und Struppi, sogar ein Comic-Museum gibt es.

Die Kreuzung Rue de lÉtuve und Rue de Chene ist total verstopft, als wir ums Eck kommen. Hunderte Menschen haben sich mit ihren Tablets um einen kleinen Brunnen versammelt um einem noch kleineren Männchen darauf, beim öffentlichen pinkeln zuzusehen. Manneken Pis, die wohl bekannteste Sehenswürdigkeit Brüssels – warum auch immer. Mir gefällt, dass er zu besonderen Anlässen verkleidet wird. Was viele der Touris hier nicht wissen – es gibt auf der anderen Seite des Zentrums noch Jeanneke- und Zinneke Pis, das weibliche und tierische Gegenstück des guten Manneken. Humor haben sie, die Belgier.

Als es dunkel wird sind alle Gebäude rund um den Grand Place bunt beleuchtet und die Straßen rappelvoll. Selbst jetzt im Dezember lässt es sich niemand nehmen den Abend draußen zu verbringen. Eine wirklich tolle Stadt.

Bevor wir uns wieder in den wohl ewigen Verkehrsstau des Rings trauen, wollen wir noch einmal in einen Park, nördlich der Stadt, mit dem klangvollem Namen Parc dÓssegehm. Gestern schon haben wir weit hinter den Häusern der Stadt, die futuristischen Aluminiumkugeln des Atomium in der Sonne blitzen gesehen. Wenn man sich mal vorstellt, wie das ufoähnliche Konstrukt auf die Expobesucher im Jahr 1958 gewirkt hat. Mir gefällts, aber noch schöner finde ich den chinesischen und japanischen Pavillon. Das dachte sich bestimmt auch die belgische Königsfamilie, die ihr Schloss gleich nebenan hin zimmerte (oder waren die zuerst da?). Das königliche Gewächshaus kann man sich auch anschauen, zumindest zwischen April und Mai, und schon alleine wegen der unbeschreiblichen Architektur sollte man das auch.


Beim Gedanken an Brüssel fallen mir nach diesem Wochenende nicht mehr zuerst die Verkehrsstaus ein, sondern die gemütliche Altstadt mit den noch gemütlicheren Bars und da ist es dann auch egal, dass Manneken Pis auch nur ein kleines pinkelndes Männchen ist.