Shalom Israel


 

Ich rücke meine geliehene Kippa zurecht und versuche tunlichst zu vermeiden, dass sie mir vom Kopf geweht wird. Wie würden die ultraorthodoxen Juden wohl reagieren? Darf ich überhaupt hier sein? Wie verhalte ich mich richtig? Es gibt so viel was ich falsch machen könnte. Aber der Moment ist auch friedlich und schön. Suse ist derweil auf der Frauenseite der Klagemauer und presst ihren zusammengefalteten Wunschzettel zwischen die schweren Steinblöcke. Für gerade einmal 2 Tage sind wir in Jerusalem. Es ist kalt und regnerisch jetzt im Februar und doch sind die Märkte der Altstadt voll von Pilgergruppen aller denkbaren Religionen. Während wir die Via Dolorosa, den Kreuzweg entlang spazierten, schleppte eine armenisch orthodoxe Mädchengruppe gerade ihr Holzkreuz die enge Gasse entlang. Nur zwei Kurven weiter beginnt das jüdische Viertel der Altstadt mit seiner Klagemauer. Das ist das Spannende an der Jerusalemer Altstadt. Aufgeteilt in armenisches Viertel, christliches, muslimisches und jüdisches Viertel erlebt man an jedem Abschnitt neue Kulturen. Spannend aber auch eine explosive Mischung, wie die letzten 1000 bis 2000 Jahre gezeigt haben.

Immer wieder müssen wir durch Sicherheitskontrollen, auch als wir einen Holzsteg auf den Tempelberg betreten. Mit der Al-Aqsa-Moschee und dem Felsendom stehen auf dem Plateau, zwischen Olivenbäumen, die großen Heiligtümer der Moslems. Wir sind fast alleine hier oben und genießen den Blick auf den Ölberg. Die Stadt ist voller Fanatiker aller Religionen. Jeder hat hier seine Heiligtümer. Es ist surreal wenn ein äthiopisch-orthodoxer Geistlicher gefühlt jeden Stein küsst dem er begegnet, der jüdische Gelehrte in Trance schwankend sein Gesicht an den heiligen Mauern reibt und daneben die deutsche Pilgergruppe aus dem Ruhrpott ihre Lieder singt. Aber Jerusalem ist schön, und schön ist auch, dass der Besuch aller historischen Stätten kostenlos ist. Anders als in Rom sind die Kirchen auch nicht überladen mit Gold und Prunk. Die Stadt ist viel greifbarer. So bemerkt man das Gefängnis in dem Jesus festgehalten wurde fast nicht. Und auch der Geburtsort von Maria kommt ohne viel Schnickschnack aus. Den Saal des letzten Abendmahls über dem Grab von König David hätten wir beinahe ganz übersehen, so dezent ist die kleine Messingplakette am Gebäude angebracht.

 

 

Vor den Mauern der Altstadt besuchen wir das Grab Oskar Schindlers, der in den Kriegsjahren rund 1200 Juden das Leben gerettet hat. Als Zeichen unseres Respekts legen wir nach jüdischem Brauch, einen Stein auf sein Grab. Zurück in der Altstadt schlängeln wir uns durch das muslimische Viertel und wollen eigentlich quer über den Tempelberg zum Fuße des Ölbergs. Wir hatten am Morgen Glück schon dort gewesen zu sein, jetzt bewacht eine Hundertschaft israelischer Soldaten jeden Zugang zum Plateau. Was hier immer so vor sich geht ist nicht leicht zu verstehen. Wir nehmen den Umweg über das Lions Gate in Richtung Garten Gethsemane. Vor den Mauern der Stadt wird mir bewusst, wie klein die Fläche des alten Jerusalem eigentlich ist und zu welchem Weltruhm sie es geschafft hat. Mehr als 2000 Jahre Krieg um diese kleine Fläche Mauern. Jede zweite Gasse durch die wir laufen wird in der Bibel erwähnt.

 

Ich war als Kind mit meiner Familie in Lourdes, dem Wallfahrtsort Nr. 1 in Frankreich, dem Graceland der Christen. Heilig nur weil Maria der später heiligen Bernadette in einer Höhle erschienen sein soll. Jetzt, 30 Jahre später in der imposanten aber schlichten Höhle des Mariengrabes ist von der pilgernden Popkultur alla Lourdes nichts zu spüren. Zum Glück. Das schätze ich an Jerusalem. Nichts wird vermarktet. Es wirkt dadurch authentischer. Wie auch der kleine Garten Gethsemane mit seinen uralten Olivenbäumen. Hape Kerkeling schrieb schon in einem seiner Bücher von seiner Begegnung mit dem Gärtner Gethsemanes und auch uns läuft er zufrieden lächelnd in die Arme.

 

Später, wir folgen wieder der Via Dolorosa steil die Altstadt rauf, hat die armenische Mädchengruppe ihr Holzkreuz schon ein gutes Stück die Gasse rauf geschleppt. Ihr Ziel und auch unser nächster Stopp, die Grabeskirche auf dem Felsen Golgotha. Verwaltet wird der Bau von (und das muss ich ablesen) der Armenisch Apostolischen-, der Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-, der Syrisch-Orthodoxen- und der Römisch- katholischen Kirche, sowie dem Griechischen Patriarchat und der

 

Koptischen Kirche und niemand scheint sich zu verstehen. So soll es des öfteren zu Spannungen kommen wenn der andere seine Predigtzeiten überzieht. Die Mönche der Äthiopisch Orthodoxen Tewahedos leben sogar auf dem Dach der Kirche.

 

Der Bau ist wunderschön und geschichtlich sehr spannend. So fand die später heilige Helena in einer Höhle unter der Kirche drei Kreuze und brachte sie in kleinen Stücken als Reliquien in die ganze Welt. Der Felsen Golgotha auf dem sie standen, befindet sich komplett überbaut im oberen Teil der Kirche. Im Rondell des Baus steht das tempelartige Grab von Jesus, oder die Stelle an der er nach der Kreuzigung abgelegt wurde

 

 

Für heute haben wir einen Mietwagen. Ob ein Tag reicht? Wahrscheinlich nicht, aber für einen super Tag am Toten Meer und einer Exkursion nach Masada wird's schon reichen. Am Stadtrand von Jerusalem wird die Gegend schnell ländlich. Viele Schäfer treiben ihre Herden über die grünen Hügel. Wir sind im Westjordanland. Vorbei an der Separation Wall passieren wir die ersten streng bewachten Checkpoints. Gerade einmal 50 Minuten und 800 Höhenmeter später sehen wir das Tote Meer vor uns liegen. Im Hintergrund zeichnen sich die Berge von Jordanien ab. Nördlich des Meeres liegt Jericho. Gegründet etwa 9000 Jahre vor Christus ist sie die älteste Stadt der Erde und mit ca. 250m unter Meeresspiegel auch die tiefste. Nochmal tiefer liegt Ein Gedi, unser Badeort heute und mit -418 m die tiefste Stelle auf Erden. Wir sind begeistert. Der Strand besteht aus Mineralschlamm und einer dicken scharfkantigen Salzkruste. Und dann heißt es erst einmal treiben lassen.

 

Nur 15 km Richtung Süden liegt Masada. Das Gipfelplateau auf dem Herodes seinen Tempel bauen ließ ist nicht nur Nationalpark, sondern auch Weltkulturerbe der UNESCO. Wir haben einen wahnsinnigen Ausblick über das gesamte Meer, das von hier oben zu einem schmalen See zusammen schrumpft. In gefühlten 15 km Entfernung liegt Jordanien. Eingerahmt wird der Park durch enge Schluchten der Judäischen Wüste.

 

Es ist Freitag. Am späten Nachmittag wird der Shabbat ausgerufen. Shabbat ist der Ruhetag der Juden und das bedeutet für uns, dass wir, sollten wir nach Tel Aviv wollen, rechtzeitig aufbrechen müssen. Von Freitagabend bis Samstagabend dem Ende des Shabbat fahren weder Busse noch Züge. Es haben keine Restaurants und Geschäfte geöffnet, alles kommt zum Stillstand. Den Morgen nutzen wir aber noch für einen Besuch im Holocaust Museum Yad Vashem.

 

 

Tel Aviv also. Seit einigen Jahren ist Tel Aviv in jeder Rankingliste der trendigsten Städte vertreten. Manch einer nennt Tel Aviv sogar das New York des nahen Ostens. Unsere Erwartungen sind dementsprechend hoch, als wir aus dem 7 stöckigen Busterminal einen Weg ins Freie suchen. Der Bau "The Blog" genannt schreckt uns erst einmal ab. Es ist eine Junkieabsteige par exellence, die Straßen davor übersät mit Müll und Obdachlosen, das genaue Gegenteil von Jerusalem. Wenig später werden die Straßenzüge sauberer, die Hipster Cafés nehmen zu. Überall findet man stylische Restaurants und die Mode der Leute unterscheidet sich total von der im Rest des Landes. Jedes Haus und jeder Stein darauf ist übersät mit Streetart.

 

Tel Aviv hat nicht die großen Attraktionen wie manch andere Grossstadt, außer vielleicht das Mittelmeer vor der Tür, vielmehr ist es der Lifestyle der uns gefällt. Die Gebäude zerfallen, neue moderne Glastürme werden gebaut, die alte Pracht des Rothschild Boulevard ist kaum noch erkennbar. Dennoch schlägt der Puls der Stadt in den unzähligen Bars und Kaffeehäusern, veganen Restaurants und Saftbuden und natürlich dem Carmel Market. Das orthodoxe Judentum sieht man kaum noch in den Straßen. Die Israelis sagen: In Jerusalem wird gebetet, in Haifa gearbeitet und in Tel-Aviv gefeiert.

 

Wir sehen eine Vorstellung der Batsheva Dance Company im trendigen Neve Tzedek, laufen durch das völlig zerfallene Streetart-Viertel Florentin, essen Hummus und georgische Khachapuri und saugen das Potpourri der einzelnen Kulturen in uns auf.

 

Anfang des 20.Jahrhunderts gründete man das heutige Tel Aviv als Vorort von Jaffa, oder Yafo wie man hier oft liest. Heute dient der orientalisch geprägte Ort mit seinem Hafen, der Metropole als Altstadt. Die Ägypter und Osmanen waren hier, die Palästinenser und Engländer, und irgendwann auch Napoleon, jetzt gerade dominieren deutsche Reisegruppen. Am Hafen Old Jaffas genießen wir ein letztes Mal das Panorama, den Strand mit den dahinter aufragenden Glastürmen, schnappen unsere Fahrräder und liefern uns ein Rennen mit den omnipräsenten E-Scootern auf der Promenade.

 

Wir müssen zum Flughafen. Mindestens Vier Stunden vorher sollten wir dort sein wegen der strengen Ausreiseformalitäten. Die Israelis scherzen nicht beim Thema Sicherheit. Unser Bus wird von bewaffneten Soldaten gründlich durchsucht, wir nur sehr oberflächlich, und so sind wir 3,5 Stunden zu früh am Gate. Na Masel Tov.

 


Wie läuft die Einreise nach Israel?


Wir wurden noch am Flughafen Frankfurt ausgiebig von israelischen Sicherheitsbeamten in einem separaten Raum verhört. Nett aber bestimmt. Immer wieder wollte man wissen warum wir nicht verheiratet sind, ob wir zusammen wohnen, wo im Nahen Osten wir vorher waren und so weiter. Zudem wurde unser Gepäck sehr sehr gründlich von Hand durchsucht. Auch am Flughafen Tel Aviv sind die Befragungen nicht kürzer. Es ist wirklich nicht schlimm und ihr braucht keine Angst davor zu haben. Wir hatten Schlimmeres erwartet.

          

 

Benötige ich ein Visum für Israel?


Nein, deutsche Staatsbürger brauchen lediglich einen gültigen Reisepass, der noch mindestens 6 Monate nach Ausreise gültig ist. Kinder unter 12 Jahre benötigen einen eigenen Kinderreisepass. Für die Einreise nach Israel benötigt ihr kein Visum. Ihr bekommt bei eurer Ankunft eine Einreisekarte und dürft 90 Tage im Land bleiben.

          

 

Wie sicher ist Israel?


Das ist erstmal nicht leicht zu beantworten. Wir haben uns zu jeder Zeit sicher und willkommen gefühlt. Tel Aviv ist schon recht sicher, wogegen es in Jerusalem öfter zu Spannungen kommen kann. Während unserer Zeit in Tel Aviv gab es Raketenangriffe aus dem Gazastreifen, was man aber zu keiner Zeit mitbekam. Bewaffnete Militärs sind allgegenwärtig und sorgen für Sicherheit, erinnern uns aber auch daran, dass sich die Lage schnell ändern kann. Es gibt viele Gebiete in Israel wie der Gazastreifen, Teile des Westjordanlands etc. von denen abgeraten wird. Nach Bethlehem dürft ihr nicht mit dem Mietwagen einreisen, aber ihr könnt mit dem Bus zumindest in die Nähe des Checkpoints und dann zufuß einreisen . Erkundigt euch vorher wie gerade die Lage in Bethlehem ist.