Venezuela & Brasilien


Wenn ich früher an Südamerika dachte, kamen mir Länder wie Peru, Bolivien und Chile in den Sinn, aber nie dachte ich an Venezuela. Wie ich dazu kam, gerade hierher zu reisen kann ich nicht mehr sagen, aber es war sicherlich eine gute Wahl. Viele Naturschönheiten und die Stämme mancher indigenen Völker liegen sehr versteckt. Das Straßennetz ist, vielleicht zum Glück noch nicht so stark ausgebaut. Aus diesem Grund schließe ich mich einer kleinen Gruppe an, was sonst nicht so nach meinem Geschmack ist, aber hier geht es nicht anders. Und ich habe Glück, gerade einmal 10 Leute sind wir und wir verstehen uns bestens.


Über mehrere Stunden fahren wir mit dem Boot über das tiefschwarze Gewässer des Orinocos bis wir über viele kleine Seitenarme des Deltas zu unserem Camp kommen. Hier lebt das Volk der Warao. Immer wieder kommen wir an den offenen Behausungen vorbei. Inzwischen haben sich auch die Warao an den Tourismus angepasst. Während die Männer des Stammes tagsüber auf der Jagd im dichten Regenwald unterwegs sind, verkaufen die Frauen und Kinder an den Ufern selbst geflochtene Körbe und Schalen.

Der Fluss ist voller Piranhas und Kaimane, aber trotzdem können wir baden. Nie hätte ich das freiwillig versucht, aber nachdem unser Versuch Piranhas mit rohem Fleisch zu angeln gescheitert ist, wage ich mich auch. Die Tiere haben hier in den fließenden Gewässern genug andere Beute und sind auf uns, zum Glück nicht angewiesen. Aus dem tiefschwarzen Wasser tauchen immer wieder weiße Delfine auf. Wir haben soviel Glück, erklären uns die Warao, da sich ganz selten weiße Amazonasdelfine in so einer großen Stückzahl hierher verirren.

Der Dschungel ist hart und es fällt nicht so ganz leicht sich zwischen Schlangen, Skorpionen, Brüllaffen und Moskitos zu entspannen und trotzdem ist es traumhaft schön.

Entlang der grünen Grenze zu Guyana, wollen wir rauf auf das karge Hochplateau in Richtung Tafelberge. Das Landschaftsbild wechselt fast stündlich von tiefem Regenwald zu Steppe, dann wieder Wiesen- und Hügellandschaften, die an Schottland erinnern. In Santa Elena de Uairen steppt der Bär. Das Grenzstädtchen zu Brasilien löst einen totalen Kulturschock bei mir aus. Santa Elena ist hier am südlichen Ende des Großen Hochplateaus ein Wirtschafszentrum und Anlaufpunkt für viele Goldschürfer die nach der Arbeit gerne mal die Sau raus lassen.

Um die Grenze nach Brasilien zu passieren, wollen die Beamten gerade einmal unseren Impfpass sehen, für den Reisepass interessiert sich niemand, lediglich der Nachweis einer vorhandenen Gelbfieberimpfung wird verlangt. Unseren kurzen Ausflug nach Brasilien nutzen wir, um uns mit günstigen FlipFlops und handgeknüpften Hängematten einzudecken.


Als wir auf einer Schneise im Regenwald auf unsere Cessna warten, die uns tiefer in den Parque National Canaima bringen soll, tauchen wie aus dem Nichts Kinder auf. Wir spielen zusammen, teilen unsere Kekse mit ihnen und warten Stunden auf unseren Flug. Im heftigen Gewitter starten wir in Richtung Canaima, unsere Dreipunktgurte gut verschlossen. Als wir den Salto Angel, den mit 980m höchste Wasserfall der Welt, umkreisen reißen die Wolken auf. Es ist unbeschreiblich, wie die schroffen Felswände der Tafelberge aus dem Dickicht der Wälder aufragen. Camaima ist ein Paradies wie aus einer anderen Welt. Zwischen den Tafelbergen stürzen breite Wasserfälle in einen tiefschwarzen Pool mit feinen Sandstränden und Palmenhainen am Ufer. Die Landschaft ist so schön, dass es fast schon kitschig ist.

Meine Gedanken zu Venezuela:

Venezuela hat wunderschöne Ecken mit ganz unterschiedlichen Landschaften. Dennoch kann ich nicht sagen, was wirklich typisch für Venezuela ist, weder landschaftlich, noch kulinarisch, noch kulturell. Die Tafelberge von Canaima und die Warao im Orinoco Delta haben auf jeden Fall den größten bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen.

Meine Entscheidung mit einer Gruppe zu reisen, war hier genau richtig. Viele verborgene Orte hätte ich selber nicht gefunden. Außerdem ist Venezuela nicht gerade das sicherste Land um auf eigene Faust zu reisen, da hatte ich in der Gruppe schon ein besseres Gefühl.