Neuengland


zu früh für buntes Laub“

 

Es ist garnicht so leicht, die eine richtige Route für einen Neuengland-Trip zu finden. Anders als im Westen der USA gibt es hier endlos viele Straßen und Möglichkeiten. Boston mit den Mittelgebirgen der White und Green Mountains zu verbinden und dann entspannt die Küsten von Maine, Massachusetts, Rhode Island und Connecticut in wenigen Tagen und Wochen abzufahren, erfordert Zeit oder Kreativität. Die Entfernungen sind recht überschaubar, aber die Landschaft zu flach und im noch grünen Sommer, zu monoton um Stunden im Auto zu verbringen. Für uns hatten Wanderungen auf dem Appalachian Trail, das organic farming in Vermont und die schroffe Küste von Maine oberste Priorität. Der Rest ergibt sich immer. Die Orte und Täler, die uns am meisten gepackt haben, waren mal wieder jene, die in kaum einen Reiseführer verzeichnet sind. Also nur Mut.

Auch wenn der Sommer nicht die idealst Reisezeit für die Neuenglandstaaten ist, wollten wir es trotzdem wagen und wurden absolut nicht enttäuscht. Bekannt ist der Nordosten der USA wegen seiner kunterbunten Laubfärbung während des Indian Summer, den roten Cranberrie-Feldern und natürlich wegen des Hummers. Wir hatten aber keine andere Wahl, nur jetzt im August haben wir Urlaub bekommen. Es war zwar zu früh für buntes Laub und für rote Cranberrie-Felder und trotzdem wunderschön.

Wie schön Connecticut und Rhode Island wirklich sind, sieht man erst, wenn man die Interstate 95 verlässt und auf den kleinen namenlosen Straßen durch die schmucken Dörfer cruised. Die Eliteuniversität Yale in New Haven hat uns echt gut gefallen und ist definitiv einen Abstecher wert. Die Gebäude des alten Campus wurden englischen Schlössern und Herrenhäusern nachempfunden und bilden eine Stadt in der Stadt. Mitten auf dem Campusgelände befindet sich auch der Hauptsitz der geheimnisvollen Studentenverbindung Skull&Bones, welcher mehrere US-Präsidenten und Senatoren angehören.

Newport/ Rhode Island ist ein schönes kleines, wenn auch touristisches Städtchen. Die Insel ist recht exklusiv aber nicht überteuert. Was uns etwas Schwierigkeiten machte, waren die fehlenden Zeltplätze. In den USA hatten wir noch nie Probleme spontan einen Platz zu ergattern, aber hier müssen wir 30 Minuten Richtung Norden zum wahrscheinlich einzigen Campground der Gegend. Eine der Hauptattraktionen von Newport sind die alten Herrenhäuser der Vanderbilts, Rockefellers, Kennedys und wie sie alle heißen. An der zerklüfteten Ostseite der Stadt kurvt man an den Anwesen Belcourt Castle, Rosecliff oder Carey Manson vorbei, kann tolle Spaziergänge über den Cliff Walk machen oder sich Cornelius Vanderbilts bescheidene Behausung " The Breakers" ansehen.

Cape Cod, Martha´s Vineyard, Hyannis, alles Namen die man mit endlosen Stränden und den Kennedys in Verbindung bringt. Hier haben sie alle gelebt und einige leben immer noch hier. Ab Falmouth, Woods Hole und Hyannis fahren regelmäßig Fähren nach Martha´s Vineyard. Die Insel ist weit touristischer als die Nachbarinsel Nantucket und der Verkehr in den Zentren Oak Bluffs und Vineyard Haven mörderisch. Wir sind ohne Auto auf die Insel – man braucht es einfach nicht – mit Fahrrädern macht es auch viel mehr Spaß die Insel zu erkunden. In Oak Bluffs gibt es ein verstecktes Viertel mit unglaublichen Holzhäusern im Zuckerbäcker-Stil. Abends, mit der letzten Fähre setzten wir nach unserem kurzen sportlicher Turn über die Insel, wieder über zum Festland. Martha´s Vineyard kann man sicherlich zwei bis drei Tage aushalten, aber wir hatten am Morgen einen wirklich schönen Zeltplatz im Shawme-Crowell State Forest in Sandwich gefunden. Von hier kann man gute Tagesausflüge über die Halbinsel machen.

Plymouth, als Geburtsort von Thanksgiving und Anlaufhafen der Mayflower ist natürlich ein Muss für amerikanische Touris. Die Stadt selber ist überschaubar, mit sehr schönen Häusern, einer schönen Promenade und total gemütlichen Cafes. Den Nachbau der Mayflower muss man nicht unbedingt gesehen haben. Rückblickend hätte ich lieber die 12 $ Eintritt in leckeren Kuchen investiert. Wir zelten 10 Minuten außerhalb im Myles Standish State Forest, einem wirklich ruhigen Park, mit vielen Wanderwegen an den nahen Cranberryfeldern. Im Herbst, wenn die Cranberry geerntet wird, flutet man die Felder und schöpft die an der Oberfläche schwimmenden Beeren ab. Unser Park ist übersät mit Ponds, kleinen Teichen die kreisrund im dichten Wald liegen. Abends den Sonnenuntergang am Wasser in der Hängematte liegend zu genießen ist schon ein Privileg. Noch nie habe ich ein Hotel vermisst. Selbst nach Wochen im Zelt könnte ich mir in solchen Augenblicken nichts schöneres vorstellen.

Wir finden es immer ganz schön größere Städte zu besuchen und trotzdem, abends in unserem Zelt in der schönsten Natur zu liegen. Boston ist genial geeignet dafür. Südlich der Stadt gibt es einen genialen staatlichen Platz im Wompatuck State Park in der Nähe von Hingham. Es wirkt, als würden die Dörfer mitten im Wald stehen. Selbst die riesigen Holzvillen mit ihren großen Veranden wirken fast bodenständig und nah an der Natur. Ab Hingham fahren Arbeiterfähren durch die zerklüftete Inselwelt der Bay ins direkte Zentrum von Boston.

Boston wirkt sehr sauber und so garnicht chaotisch. Vor wenigen Jahren hat die Stadt den Verkehr aus dem Zentrum in den Untergrund verlegt, dadurch ist die direkte Innenstadt garnicht mal so busy. Wir fühlen uns sofort total wohl hier, auch wenn ich mir die Stadt schon etwas größer vorgestellt habe. Alles ist sehr kompakt. Mit roten Backsteinen hat man eine Wegemarkierung angelegt, die zu den geschichtlich interessantesten Punkte führt - der Freedom Trail.

Ab Boston hat man die Qual der Wahl. Weiter an der Küste entlang Richtung Maine oder Richtung Norden in die White Mountains. Da uns der Anblick von Bergen wirklich fehlt und wir für unseren Geschmack noch nicht genug gewandert sind, entscheiden wir uns für letzteres und fahren nach New Hampshire.

Der Franconia Notch State Park liegt in einer Schneise am westlichen Rand der White Mountains. Die eigentliche Notch ist eine enge Schlucht die zwar sehr schön, aber mit 14,-$ Eintritt nicht günstig ist. Es gibt viel private Campgrounds, Lodges und Hotels und leider nur einen staatlichen, der ist aber super und leider schnell ausgebucht. Die Wanderwege sind gigantisch. Nach unserer Ankunft lassen wir erst einmal alles stehen und liegen und rennen Stunden rauf in die Hänge. Hier kreuzt auch der Appalachian Trail, jener Fernwanderweg, der auf über 3000 km von Georgia bis nach Maine führt. Wenigstens ein bisschen des Trails wollen wir sehen. Über 900 Höhenmeter kämpfen wir uns stundenlang über einen Pfad, der eher einer Kletterpartie ähnelt, zum Gipfel des Mt. Liberty. Genial!! Der Weg war nicht leicht, aber ganz nach meinem Geschmack. Der Blick über die grünen Hügel der Mountains war jede Anstrengung wert.

Der östliche Teil der White Mountains ist weit touristischer, Städtchen wie Jackson oder Conway durch ihre schmucken Backsteinhäuser aber absolut sehenswert. Kurz hinter NorthConway liegt der kleine aber feine Kletterfelsen Cathedrale mit einem tollen Aussichtspunkt. Gestern Abend trieb sich noch ein kleiner Schwarzbär um unser Zelt und heute läuft er mir fast vor die Motorhaube. Seit Jahren zelten wir im Bärenland, manchmal waren sie einige Meter von unserem Zelt entfernt, aber noch nie hatten wir wirklich Angst. Schwarzbären sind Pflanzenfresser und recht Scheu wenn man sie nicht gerade überrascht oder sie Junge haben. Wenn ihr gewissenhaft manche Regeln befolgt, wird's schon gut gehen mit euch und dem Bär.

Beim überqueren der Grenze nach Maine merkt man, dass dieser Staat mehr zu bieten hat als Stephan King und Hummer. Es gefällt uns auf Anhieb sehr gut. Wir lassen uns für die Strecke von Portland nach Camden viel Zeit. Die Küste ist einfach zu schön um schneller zu fahren. An den Straßen dampfen die Kessel der Restaurants. Hier wird der berühmte Lobster noch draußen gegart. Selbst Mc Donalds wirbt mit seinen Lobsterrolls. Am Stadtrand von Camden finden wir den Camden Hills State Park mit einem super schönen Zeltplatz. Im Park kann man zum Sonnenuntergang mit dem Auto auf den Mt.Battie und hat einen atemberaubenden Blick bis weit über die Inselwelt des Acadia National Park.

Acadia National Park, der einzige National Park in Neuengland soll laut Touristeninfo, brechend voll sein, aber es ist nicht so schlimm. Auf der Hauptinsel des Parks, Mount Desert Island gibt es einige schöne private Zeltplätze. Bar Harbor ist der Hauptort der Insel und bester Ausgangspunkt für Touren in den Park. In den Restaurants am Hafen müsst ihr unbedingt den Lobster in allen möglichen Variationen versuchen. Sogar Hummereis gibt es, mit extra vielen Hummerstücken. Garnicht mal schlecht!! Einer der besten Wanderwege ist über den Norden auf den Mt. Cadillac und auf der Südseite, mit ständigem Blick auf die Küste, absteigen.

Nach einigen super Tagen in Maine wollen wir rauf nach Kanada. Eigentlich bräuchten wir dafür nochmal vier Wochen Zeit um weiter in die nördliche Wildnis einzutauchen. Unser Plan sieht vor, wenigstens die Städte Quebec und Montreal zu machen und zwischendrin den St.Lorenz Strom bis Taddoussac abzufahren. Also auf gen Norden. Den Bericht dazu findet ihr hier.

Als wir die US-Grenze nach Vermont überfahren, atmen wir auf. Es ist herrlich hier. Kein Wunder, dass sich einige Hippies nach dem Woodstock-Festival rauf in die Pampa von Vermont verzogen, Farmen übernahmen und einen Staat prägten, der sich unheimlich von den restlichen der USA unterscheidet. So hat die kleine Hauptstadt Montpelier gerade einmal 8000 Einwohner und keinen Mc Donalds. Es gibt im Staat das ungeschriebene Gesetz, dass regionale Erzeugnisse gefördert werden, sprich: Gemüse und Fleisch vom Bauernhof werden bevorzugt gekauft. Die Gemüsestände am Straßenrand zwingen uns förmlich anzuhalten. Mit Grünkohl und Süßkartoffeln bewaffnet, gehen wir auf die Suche nach einem Zeltplatz für die nächsten Tage.

Durch einen glücklichen Zufall verfahren wir uns und landen in der Smugglers Notch, einem weißen Fleck auf unserer Straßenkarte, wenige Kilometer von Stowe entfernt. Unser staatlicher Campground, die Wanderwege und die Felsen der Notch sind fantastisch. Auch wenn sich die Gegend im Winter in ein überfülltes Skigebiet verwandelt, sind wir jetzt nach unserem Aufstieg auf unseren Hausberg " The Chin" fast alleine.

Vermont mit den Green Mountains ist für uns die größte Überraschung in diesem Jahr. Es gibt keine Billboards entlang der Straßen, die Farmen sind malerisch und die Landschaft noch nicht verbaut. Außerdem gibt es hier Ben&Jerrys, das bekannte Eiswunder zweier Althippies. In der quitschbunten Fabrik kann man eine kleine Führung machen und bekommt auch noch Eis. Kurz, aber nett und mit 4,-$ absolut ok.

Entlang dem, manchmal unterschätzten Hudsonvalley, wollen wir in die Catskill Mountains. Für alle, die von ihren Frauen zu Dirty Dancing gezwungen wurden – hier fegte Patrick Swayze durch die Wälder. Der Hauptort in den Catskills ist Woodstock, das Woodstock. Auch wenn das Festival dann doch nach Bethel verlegt wurde, sind wir auf den Tag genau 46 Jahre später hier, stöbern auf den Flohmärkten, lachen über die hängengebliebenen Althippies und finden es super.

Wirklich überrascht hat uns New Paltz, ein kleiner Ort am südlichen Ausläufer der Catskills. Ein Klettereldorado mit freakischen Cafes und einer tollen Landschaft. Habt ihr schon mal "in Schokolade getauchten Käsekuchen am Stil" probiert? Das ist New Paltz, mein neuer Lieblingsort.

Ich habe während der letzten Tage oft von Lancaster County und den Amischen erzählt. Vor vielen Jahren, als Suse und ich uns noch nicht kannten, bin ich durch Pennsylvania getourt und fand die Zeitreise in den Dörfern der Amische total spannend. Die Glaubensgemeinschaft lehnt fast jeglichen technischen Fortschritt ab, Fahrräder sind strengstens verboten. Pferdekutschen, Tretroller und Rollschuhe dürfen genutzt werden, aber nur Tretroller auch mit Gummibereifung. Kutschen und Pflüge fahren nur auf Stahlrädern. Das coole bei den Amischen ist aber die Sprache. Die größte Gruppe der Pennsylvania-Amische stammt aus der Pfalz und dem Elsass, von daher spricht man Pennsylvaniadeitsch, ein Pfälzer Dialekt gemischt mit amerikanischen Vokabeln. Spontan fahren wir hin. Die kleinen Straßen durch die Felder sind bei Sonnenschein, ein Traum, auch wenn der Verkehr zu viel ist. Wir zelten ein letztes mal für dieses Jahr und haben einen super Platz am Rande einer Amischfarm mit Blick über die Tabak- und Maisfelder. Die Vorstellung morgen wieder in New York zu sein ist surreal. Größer könnte der Kontrast wohl nicht sein, aber so what!!!

Campen im Bärenland:

Zugegeben, in den ersten Nächten hat man ein etwas komisches Gefühl. Informiert Euch am besten an Rangerstationen über die verschiedenen Verhaltensweisen, solltet Ihr einem Bären oder Berglöwen begegnen.

Zu eurer Beruhigung kann ich sagen, dass die Chance von Berglöwen angegriffen zuwerden sehr gering ist. Viele Wildnisbewohner erzählten uns, dass sie oft jahrelang keine zu Gesicht bekommen. Bei Bären jeglicher Art sieht das etwas anders aus. Grizzlys und Schwarzbären sind überall.

Auch wenn Euch das alles vielleicht verunsichert - zelten im Bärenland ist fantastisch und auch nicht so gefährlich wie es sich anhört, wenn Ihr gewissenhaft und respektvoll seid.

  • Eure Essenvorräte, Kulturbeutel ect. müsst ihr immer in Bären-Boxen aus Metall einschließen oder Ihr packt alles in einen Beutel und zieht den mindestens vier Meter hoch zwischen zwei Bäume. Lasst besser nichts im Kofferraum. Euer Vermieter wird es Euch danken.
  • Kocht nicht direkt neben eurem Zelt und lasst eure Klamotten, mit denen Ihr gekocht habt nicht  im Zelt liegen.
  • Haltet euren Zeltplatz penibel sauber.
  • Verzichtet weitestgehend auf Parfum und auf Haargel.
  • Ob Ihr euch ein Bärenspray kauft, ist Euch überlassen. Die Pfeffersprays kosten im Schnitt 40,-CAD und sind schon effektiv. Wir hatten uns dagegen entschieden.
  • Zeltet nicht zu nah an Flüssen, den da jagen die Bären nach Lachsen.

Wenn Ihr unterwegs auf Bären trefft, gibt es verschiedene Regeln die Ihr befolgen müsst. Wir sind einige Male in diese Situationen gekommen und waren zum Glück immer sehr ruhig und haben alles befolgt, was die Ranger uns geraten hatten. Informiert Euch an den Rangerstationen über die verschiedenen Verhaltensregeln bei Grizzlys, Schwarzbären und Pumas und dann wird's schon klappen mit eurem Wildnisabenteuer.