Road Trip durch Kanadas Westen


Wie hypnotisiert starren wir von der Fähre aus auf die vielen kleinen Inseln vor Vancouver Island. Schöner hätte man eine Küste nicht malen können. Vor wenigen Tagen sind wir in Vancouver gelandet und hatten richtig gute Tage in einer der wohl lebenswertesten Städte der Welt. Eine Route geplant haben wir mal wieder nicht, wir wollen wie immer spontan sein und anhalten wo es uns gefällt. Dieses Mal haben wir fünf Wochen zur Verfügung, also genug Zeit um die Sache ganz ruhig anzugehen.

Victoria, Hauptstadt von Vancouver Island. Vor zwei Jahren standen wir am amerikanischen Ufer der Juan de Fuca – Straße und sahen abends die Lichter der Stadt. Wie ich mir damals Victoria vorgestellt habe weiß ich nicht mehr, aber der Ort den wir hier vorfinden übertrifft mit Sicherheit meine Vorstellung. Die Innenstadt mit ihren schönen Backsteinbauten ist sehr gepflegt und total gemütlich. Alle Straßen sind mit bunten Blumen geschmückt. Kleine Wassertaxis düsen über die Bay und halten immer Ausschau nach den ständig startenden und landenden Wasserflugzeugen. Es ist richtig was los auf dem Wasser. Bevor wir uns einen Platz für unser Zelt suchen, setzten wir über zur Fisherman´s Wharf. Im Hafen der kleinen Pierkommune liegen zahlreiche Hausboote wie ein kleines Dorf nebeneinander. Auf schwimmenden Pontons haben die Hausbootbesitzer einen zentralen Platz zum relaxen angelegt. Das ist wirklich Lebensqualität und ganz nach meinem Geschmack.

Im hintersten Winkel der Insel versteckt sich Tofino. Das kleine Surferdörfchen ist total cool und hat die wohl besten Lachsburger der Insel. Die Küste liegt hier fast immer im dichten Nebel, dadurch wirkt die Landschaft noch schöner und kontrastreicher. Wir machen superschöne Wanderungen durch den Urwald des Pacific Rim National Park und entlang der Küste mit ihren wild zerklüfteten Buchten. Vancouver Island hat uns schon einmal gepackt, eigentlich könnten wir auch die nächsten Wochen noch hier bleiben.

Schweren Herzens setzen wir von Nanaimo aus über nach North Vancouver und machen uns auf dem Sea-to-Sky Highway auf den Weg Richtung Whistler. Weit kommen wir nicht – Der Meeresarm ist einfach so schön, dass wir in Zeitlupe bis nach Squamish fahren und spontan einige Tage hier bleiben. Am Rande des Howe Sound, am Stadtrand von Squamish steht Stawamus Chief, ein 600m hohes Granitmassiv. Das Örtchen ist ein El Dorado für Sportkletterer und Boulderer, aber auch zum wandern und Downhill ist Squamish ein Traum. Nach einer Boulder- und Yogasession am Morgen, kämpfen wir uns auf allen vieren bis zum Gipfel des Chief. Sportlicher kann ein Tag nicht anfangen.

Whistler war immer schon eine Art St. Moritz mit vielen luxuriösen Blockhütten und Golfplätzen, aber erst 2010 wurde es durch die Olympischen Winterspiele richtig bekannt. Heute findet an den Hängen ein Downhill-Rennen statt. Es ist so krass mit welcher Geschwindigkeit die Fahrer ins Tal brettern. Wir machen einige harte Gletscherwanderungen am Blackcomb Peak und am Whistler Mountain, aber der unbezahlbare Blick weit über den Garibaldi Provencial Park entschädigt für alle Qualen.

Aus der Not heraus bleiben wir in Kamploop, einem nicht sehr attraktiven Städtchen am Kamploop Lake. Wir hatten uns über den Tag zuviel Zeit gegönnt und mussten jetzt den nächstbesten Campground nehmen. Auf den zweiten Blick ist die Stadt doch nicht so schlecht. Entlang des South Thompson River findet man überall feine Sandstrände. Der Fluss ist im Bereich des Zentrums voller Menschen und jeden Sommerabend findet im Park ein Konzert von regionalen Bands statt. Überall wird getanzt und gespielt, ganz gemischte Gruppen sitzen zusammen beim Picknick.

Und dann taucht am Horizont Mount Robson mit seinen fast 4000 m auf. Endlich sind wir in den Rockies. Hier oben ist es deutlich kühler als im Süden Kanadas. Mich erinnert Mount Robson an den heiligen Mt. Kailash in Tibet. Genau so frei steht er da und genauso schön ist seine Form. Unterhalb der verschneiten Flanken gibt es ganz tolle und auch nicht zu anspruchsvolle Wanderungen zu Kinney und Berg Lake. Kurz bevor wir weiter wollen, vergesse ich unseren Autoschlüssel im Kofferraum. Oh Mann. Im richtigen Moment taucht ein netter, etwas zu euphorischer Waldbewohner auf, bietet mir seine grobe Hilfe an und hebelt die Autotür mit seinem Buschmesser auf. Es hat tatsächlich funktioniert, aber wie ich dem Autovermieter die Beulen und Kratzer erkläre weiß ich noch nicht.

Wir sind in Alberta !!! Das heißt wir müssen die Uhr von Pacific Standard Time auf Mountain Standard Time eine Stunde vorstellen. Ab jetzt reihen sich über viele Hundert Kilometer mehrere National Parks aneinander. Die mitunter schönste Straße der Welt, den Icefield Parkway zwischen Jasper und Banff fahren wir sogar mehrmals hin und her. Wir lassen uns ganz viel Zeit, auch wenn wir in unserem Zelt, mit einem unbezahlbaren Blick auf das Columbia Icefield, fast erfrieren. Es sind gerade einmal 5°C, aber der Gletscher hält uns bei Laune. Die Berge sind einfach zu schön um nur einmal daran vorbei zufahren.

Als wir in Banff ankommen, regnet es pausenlos. Eigentlich wollten wir hier ein paar schöne Wanderungen machen. Statt dessen sitzen wir in den heißen Quellen des Upper Hot Springs und trotzen dem Regen bei einem Bad im 40°C heißen Wasser. Kootenay-, Yoho-, Glacier- und Revelstock National Park sind nicht ganz so bekannt, aber wunderschön und weniger überlaufen. Einige Wanderwege sind leider wegen der Gefahr durch Grizzlys gesperrt. In den USA, wo es überwiegend pflanzenfressende Schwarzbären gibt, können wir die Lage in etwa einschätzen. Grizzys dagegen sind für uns neu. Wir warten an manchen Trailheads bis andere Wanderer zu uns stoßen, da Gruppen ab vier Personen noch nie von Bären angegriffen wurden. Man wird nach einigen Tagen im Bärenland routinierter was die Vorsicht am Zeltplatz betrifft. In den ersten Nächten ist man noch etwas nervös, aber mit der Zeit gewöhnt man sich an die nächtlichen Geräusche, die nicht immer gleich von Bären stammen. Wir campen immer wieder außerhalb kleiner Dörfer, die auf keiner Straßenkarte auftauchen und haben jede Menge Spaß.

Als wir die Berge in Richtung Okanagan Lake verlassen, wird es deutlich wärmen. Beste Voraussetzungen für den Obst- und Weinanbau. Wir ernähren uns tagelang nur von Obst, das wir direkt an den Plantagen kaufen. Ich dachte erst, der See sei eine Art Geheimtipp, was er bei den Kanadiern sicherlich nicht ist. Die wenigen Zeltplätze sind schnell weg und wir müssen erstmals auf Overflow-Plätze ausweichen. Das ist nicht ganz so schön und ähnelt eher einer Gruppenzeltwiese, aber ok. Wer würde vermuten, dass man in Kanada auf Klapperschlangen achten sollte. Durch das warme Klima in dieser Gegend gibt es sie hier tatsächlich. Da sind mir Bären lieber.

Eigentlich wollten wir in dem kleinen Dörfchen Hope nur kurz auftanken. Bekannt wurde Hope, weil John Rambo in Rambo 1 die Polizeistation und die Tanke in die Luft sprengte. An den Film erinnert hier eigentlich nichts mehr, doch uns gefällt es so gut, dass wir mehrere Tage bleiben. Nördlich des Dorfes, an den Stromschnellen des Fraser Rivers, haben wir unser Camp direkt am Wasser aufgeschlagen. In der Nähe unseres Camps gab es jahrzehntelang immer wieder Kontakt mit dem Sasquatch (Bigfoot). Sogar ein Sasquatch-Museum hat man eröffnet. Na hoffentlich lässt der uns schlafen.

In einer engen Schlucht des Coquihalla Canyon Provincial Parks, in der John Rambo von der Polizei gejagt wurde, hat man auf einer alten Bahntrasse einen sehr schönen Wander- und Radweg angelegt, der durch mehrere Tunnel oberhalb des eiskalten Nicolum River führt.

Bevor wir wieder im Großstadtgetümmel von Vancouver verschwinden, wollen wir zurück nach Squamish. Es gab einfach noch zu viele Wanderungen, die wir noch machen wollten.

Als wir das letzte Mal für dieses Jahr unser Zelt verstauen, sind wir zwar etwas traurig wie schnell fünf Wochen vergehen können, aber wir freuen uns auch auf ein paar Tage in Vancouver. Ich freue mich besonders auf Fleisch in allen Variationen. Fleisch und Käse war auf dem Land einfach zu teuer, daher lag auf unserem Grill fast fünf Wochen lang nur vegetarisches.

Vancouver ist sehr chillig. Wir verbringen viel Zeit auf den Märkten von Granville Island, wandern auf den Hausberg Grouse Mountain und leihen uns für zwei Tage ein Rad, mit dem wir über die kleinen Waldwege des Stanley-Park cruisen.

Wir sind in fünf Wochen ca. 4500 km gefahren, haben über 20 traumhafte Wanderungen gemacht, hatten Temperaturen von -2°C bis 34°C, mussten einmal das Auto aufbrechen weil ich den Schlüssel im Kofferraum gelassen hatte, haben lediglich in Vancouver im Hotel geschlafen und zu meinem Bedauern nur einmal Fleisch gegessen.

Die Erinnerung an die Morgen, an denen wir bei Minusgraden aus dem Schlafsack geklettert sind und unseren Kaffee mit Gletscherwasser kochten, bringen mich jetzt noch immer zum grinsen. Genau das ist die Art des Reisens die wir lieben.

Ein paar Tipps für eure Kanadareise:

Die Einreise nach Kanada ist für deutsche Staatsbürger sehr einfach, Ihr braucht lediglich einen Reisepass der noch mindestens 6 Monate nach Reiseende gültig ist. Achtung!!! Ab dem 15.03.2016 plant Kanada eine elektronische Einreisegenehmigung, die Ihr im Vorfeld online ausfüllen müsst, solltet Ihr auf dem Luftweg einreisen wollen.

Das Preisniveau gegenüber den USA war schon etwas höher. Auch die Flüge, der Mietwagen und Benzin waren deutlich teurer als bei unseren vorherigen Touren durch Nordamerika. Nach vielen Stunden Recherche fand ich einen wirklich günstigen Flug mit der kanadischen Air Transat ( kann ich nur empfehlen) von Frankfurt nach Vancouver und einen Mietwagen über den ADAC. Ich schwöre zwar auf die Angebote von billigermietwagen.de, aber in unserem Fall hatte der ADAC die besseren Preise und Versicherungen.

Wir habe wie immer in unserem Wurfzelt übernachtet und fanden, mit einer Ausnahme, immer ganz spontan einen Platz. Bei den staatlichen Plätzen in Provencial- oder National Parks sind die Systeme der Anmeldung ganz verschieden. Manche kann man reservieren, manche auch nur nach first come, first serve (wer zuerst kommt, malt zuerst) besetzten. Die Preise für staatliche Zeltplätze sind recht unterschiedlich, liegen aber im Schnitt zwischen 16,- und 28,- CAD.


Campen im Bärenland:

Zugegeben, in den ersten Nächten hat man ein etwas komisches Gefühl. Informiert Euch am besten an Rangerstationen über die verschiedenen Verhaltensweisen, solltet Ihr einem Bären oder Berglöwen begegnen.

Zu eurer Beruhigung kann ich sagen, dass die Chance von Berglöwen angegriffen zuwerden sehr gering ist. Viele Wildnisbewohner erzählten uns, dass sie oft jahrelang keine zu Gesicht bekommen. Bei Bären jeglicher Art sieht das etwas anders aus. Grizzlys und Schwarzbären sind überall.

Auch wenn Euch das alles vielleicht verunsichert - zelten im Bärenland ist fantastisch und auch nicht so gefährlich wie es sich anhört, wenn Ihr gewissenhaft und respektvoll seid.

  • Eure Essenvorräte, Kulturbeutel ect. müsst ihr immer in Bären-Boxen aus Metall einschließen oder Ihr packt alles in einen Beutel und zieht den mindestens vier Meter hoch zwischen zwei Bäume. Lasst besser nichts im Kofferraum. Euer Vermieter wird es Euch danken.
  • Kocht nicht direkt neben eurem Zelt und lasst eure Klamotten, mit denen Ihr gekocht habt nicht  im Zelt liegen.
  • Haltet euren Zeltplatz penibel sauber.
  • Verzichtet weitestgehend auf Parfum und auf Haargel.
  • Ob Ihr euch ein Bärenspray kauft, ist Euch überlassen. Die Pfeffersprays kosten im Schnitt 40,-CAD und sind schon effektiv. Wir hatten uns dagegen entschieden.
  • Zeltet nicht zu nah an Flüssen, den da jagen die Bären nach Lachsen.

Wenn Ihr unterwegs auf Bären trefft, gibt es verschiedene Regeln die Ihr befolgen müsst. Wir sind einige Male in diese Situationen gekommen und waren zum Glück immer sehr ruhig und haben alles befolgt, was die Ranger uns geraten hatten. Informiert Euch an den Rangerstationen über die verschiedenen Verhaltensregeln bei Grizzlys, Schwarzbären und Pumas und dann wird's schon klappen mit eurem Wildnisabenteuer.