Von San Francisco nach Seattle


entlang des pazifischen Feuerrings


„ Gibt es etwas Schöneres als die ersten Zeilen meines neuen Berichtes unter freiem Himmel zu schreiben?“  Es ist Halbzeit unseres Trips entlang des amerikanischen Pazifischen Feuerrings. Halbzeit, aber das Glas ist ja bekanntlich halb voll, also haben wir noch zwölf Tage, die ganz sicher genau so perfekt werden wie es die letzten 12 waren. Vor sechs Jahren fuhren wir schon die Strecke von San Francisco nach Seattle, allerdings mit Umwegen an der Küste Oregons entlang. Dieses Jahr wollten wir die aufgereihten Vulkane der Cascade Range, parallel zur Küste sehen. Aber der Reihe nach… 

 

Endlich wieder in San Francisco, unserer Stadt an die wir so oft im Alltag denken. Vier Mal hat es mich in den letzten Jahren hergezogen, weswegen wir uns das Touriprogramm sparen und direkt entspannt die Stadt genießen. Wir laufen unsere Lieblingsstraßen in Russia Hill ab, essen Clam Chowder (die wohl beste Muschelsuppe der Welt) und treffen Suses Schulfreundin Lissy, die mit ihrem Mann zur Zeit in Berkley wohnt. Schon in Deutschland hörte ich im Radio, dass das De Young Museum im Golden Gate Park, zum 50 Jubiläum des Summer of Love, eine Sonderausstellung hat, welche wir uns natürlich ansehen, nachdem wir die Secondhand Läden im Hippieviertel Height& Ashbury unsicher gemacht haben. Nachdem wir unseren Chevrolet startklar haben und die Bay mal nicht vernebelt ist, geht’s über die Golden Gate Bridge zum Overlook am Nördlichen Brückenkopf. „Seltsam, dass wir so oft in der Stadt waren und diesen Aussichtspunkt nicht einmal besucht haben“ denke ich. 

 

In Ukiah, nur 2 Stunden außerhalb der Stadt besuchen wir wieder Lloyd, einen Verwandten von Suse, den wir vor sechs Jahren ausfindig gemacht hatten. Es ist schon das dritte Mal, dass wir uns treffen und wir gehören schon zur Familie. Vor den Toren der kleinen Stadt liegt das berühmte Weinanbaugebiet Sonoma County, wo wir uns nach einem Winetasting am Morgen gleich mit tollem Pinot Noir eindecken. 

 

Wie oft haben wir in den letzten Jahren an unsere tollen Wanderungen in den Redwoodwäldern des Humboldt State Parks gedacht? Auf dem Burlington Campground, dem wohl besten Zeltplatz der Gegend, direkt unter den riesigen Küstenredwoods bleiben wir zwei Tage und genießen die wahnsinnig tollen Hiking Trails entlang der Avenue oft he Giants. Der Name ist Programm, denn die rund 50 km lange Avenue verläuft zwar parallel des Highway 101, zeigt aber die schier unglaubliche Größe der Mammutbäume am beeindruckendsten.  

 

Die Küste Oregons kennen wir, aber die parallel dazu verlaufende Cascade Range eben noch nicht. Hierdurch verläuft der pazifische Feuerring. Ein Vulkan reiht sich schneebedeckt an den nächsten. So auch Crater Lake im gleichnamigen National Park,“ wo sich jetzt in der Hochsaison tausende Touris auf den Füssen stehen“ denken wir, pokern aber und bekomme den letzten Zeltplatz im Park. Um den See zu beschreiben fehlen mir die Worte, aber seht euch die Bilder an, mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Der Sternhimmel soll hier besonders schön sein, da es kaum Lichtverschmutzung gibt. Und tatsächlich ist es abends so klar, dass wir riesige weisse Wolken aus Millionen Sternen sehen. Die Milchstraße ist so deutlich zu erkennen, wie sonst nur auf hochauflösenden Bildern.  

 

kleiner Tipp:  An sehr vielen Zeltplätzen standen mal wieder die Schilder "Campground full" also ausgebucht. Glaubt das nicht immer. Fast immer bekamen wir doch noch einen Platz.

 

Nach tollen Tagen um Bend, mit seinen vielen kleinen Brauereien und den Vulkanriesen Three Sisters und Mount Jefferson, wollen wir rauf in die Berge. Uns fehlt das Wandern. Das Panorama war einmalig, aber die Wanderwege ein Witz, deshalb wollen wir für ein paar Tage zum Fuss von Mount Hood , östlich von Portland. Unser Camp am TimothyLake ist nur wenige Minuten von der Südflanke des Hood entfernt. Zwei Tage rennen wir förmlich über die alpinen Wege des ZigZack Canyons. Wieder sind wir auf dem Pacific Crest Trail unterwegs. Der kurz PCT genannte Weitwanderweg verläuft auf 4300 km von der Grenze Mexikos bis an die kanadische Grenze. 

 

 

 

Unser Roadtrip verläuft bisher besser als erwartet. Unsere spontanen Entscheidungen ob wir Rechts oder Links weiterfahren wollen, waren bisher der Wahnsinn. Immer fanden wir die schönsten und günstigsten Campgrounds und immer fanden wir Neues, was sich so nicht hätte planen lassen. So fanden wir auch die Columbia River Gorge, die zwar kein weißer Fleck auf der Landkarte ist, mir aber völlig unbekannt war. An den OneontaFalls machen wir tolle Wanderungen, auch wenn es touristisch leicht überlaufen ist. Die Bridge of the Gods besiegelt nicht nur für uns ein neues Kapitel, auch für die Thru-hikers des Pacific Crest Trail wartet am anderen Ufer Washington. 

 

Küste oder ein zweiter Versuch bei Mount Saint Helens? Rechts oder Links? Dieses Mal muss es mit Mount Saint Helens einfach klappen. Wiedermal haben wir den letzten Zeltplatz ergattert und sind für den weiteren Verlauf optimistisch. Vor sechs Jahren standen wir im Nebel und konnten den gigantischen Krater nicht sehen, heute dagegen könnte der Himmel nicht strahlender sein. Es ist bullig heiss als wir zu einer längeren Wanderung aufmachen.  

Über Aberdeen und einer Nacht am Quinault Lake geht’s für uns wieder in den Hoh Rain Forest, der anders als bei unserem ersten Besuch, im strahlenden Sonnenschein liegt. Die Wanderungen durch den Regenwald sind spektakulär und motivieren uns weiterzulaufen als wir ursprünglich wollten. 

 

Abends werden wir von unseren Nachbarn zum Wein am Lagerfeuer eingeladen. Die beiden Österreicher sind für zwei Jahre auf Weltreise und haben total spannende Geschichten zu erzählen. Sofort würden wir mit den Beiden tauschen, obwohl unsere Tour bisher grandios verläuft. 

 

„Wenn Kanada schon so nah ist und wir noch so viel Zeit haben… Warum nicht?“ Spontan nehmen wir die Fähre von Port Angeles nach Vancouver Island. Die Insel ist einfach zu schön um nur einmal dagewesen zu sein.  

Heute wollen wir uns mit Annette treffen, die seit vielen Jahren auf Vancouver Island wohnt. Sie war meine Nachbarin, als ich noch ein Kind war, und trotzdem kannten wir uns nicht. Beim morgendlichen Kaffee auf ihrer Terrasse mit Meerblick geben sie und ihr Mann uns tolle Tipps für die nächsten Tage. Die beiden sind uns unheimlich sympatisch und wir sind beide sehr froh uns fernab der Heimat kennengelernt zu haben. „Die Tipps der beiden waren Gold wert“ denke ich während wir unser Zelt am Ufer eines Flusses im Pachidah Indianerreservat bei Port Renfrew aufschlagen. Hier endet der Juan de Fuca Trail und der West Coast Trail beginnt. Entlang des Botanical Beach laufen wir durch rauen Wald und nehmen uns vor, in naher Zukunft einen der beiden Trails zu laufen. 

 

Nachts hören wir ein platschen im Wasser und vermuten Otter, die ihre Spuren um unser Zelt hinterlassen haben. Später wird das platschen ergänzt durch grunzen und knurren. Dann Prankenschläge aufs Wasser. Oh Mist, ein Bär beim nächtlichen Fischfang. Wir beobachten den Fluss vor uns mit gemischten Gefühlen und entscheiden uns im Auto zu schlafen, bevor der dunkle Schatten im Wasser auf die Idee kommt uns zu besuchen. Authentisches Vancouver Island. 

 

kleinerTipp:   Der Grenzübertritt nach Kanada ist recht unproblematisch. Auch wenn man bei Flugreisen nach Kanada eine ETA Genehmigung benötigt, verläuft die Einreise auf dem Seeweg weit einfacher. Auch die Rückreise in die USA ist einfach, achtet nur darauf, dass euer USA-Einreisestempel im Pass ist, sonst könntet ihr bei der Wiedereinreise Probleme bekommen. Mit dem Mietwagen gibt es auch keine bürokratischen Hürden. Fragt aber vor Reiseantritt euren Vermieter, ob ihr mit dem Wagen nach Kanada dürft.

 

Nach 4 Tagen auf der Insel wollen wir zurück in die North Cascades, die vor der Stadtgrenze von Seattle anfangen.  

Nach einem nächtlichen Stopp auf einem der schönsten Campground der Insel, nehmen wir die erste Fähre nach Vancouver. Als wir den USA näher kommen sind wir schockiert. Die North Cascades um Mount Baker hängen in einem surrealen rotem Höhennebel. Die Waldbrände in der Gegend verdunkeln seit Tagen die Mittagssonne. An der Küste, hören wir, wäre es etwas besser. Fidalgo- und Whidbey Island in der Bucht vor Seattle, sind jetzt am Wochenende total überfüllt und unsere Chance auf einen Platz für unser Zelt gleich Null. Wir wandern viel, besuchen das Straßenfest in Anacortes und fahren mit der Absicht im Auto zu schlafen nach Süden. In Langley, einem verschlafenem, aber kreativen Örtchen, dürfen wir auf dem Fairground, dem örtlichen Rodeoplatz campen. „So haben wir auch noch nie gezeltet. Wie zwei Rodeoclowns“. 

Die Fähren nach Port Townsend sind ausgebucht, und wir müssen mal wieder improvisieren. Spontan nehmen wir die Fähre nach Everett und fahren, vorbei an den Boeing Werken zum Mount Rainier National Park. Der Berg ist ein Traum und die Wanderungen entlang der blauen Gletscherzungen der beste Abschluss unserer Tour. Morgen geht es nach Seattle und dann in wenigen Tagen nach Hause. Als wir zum letzten Mal in diesem Jahr das Zelt verstauen, werden wir melancholisch. "Der Wald fehlt mir jetzt schon. Der Duft, die Geräusche, nie habe ich ein Dach über dem Kopf vermisst und nie ein richtiges Bett."

Jeder einzelne Tag der letzten Wochen war ein Highlight.

 

 

Wir sind in knapp 4 Wochen gerade einmal 4800km gefahren,

hatten immer wunderschöne Plätze für unser Zelt gefunden,

haben wunderbare Menschen kennenlernen dürfen,

hatten 0,5 Begegnungen mit Bären, einem Waschbären, 3 Schlangen, 

2 Weisskopfseeadlern, mehreren Walen und unzähligem Großwild.

 

kleiner Tipp: Fährfahrten sind in den USA und Kanada recht günstig und einfacher als Busfahren in Moskau. Ihr fahrt zu einem Ticketschalter, bezahlt per Kredit Karte und könnt einschiffen.  

Port Angeles nach Victoria   PKW mit 2 Personen    ca. 83 US$

Nanaimo nach Tsawwassen  PKW mit 2 Personen   ca. 75 CAN$