Istanbul


Als kulturelles Experiment getarnt, habe ich Suse davon überzeugen können, mit mir nach Istanbul und dann weiter nach Lettland zu fliegen. Ich weiß nicht mehr wie ich gerade auf die beiden Ziele kam, aber jetzt musste ich mein Gesicht wahren und brauchte Argumente. „Ich will eine Parallele zwischen Istanbul und Riga ausmachen. Die Kulturen haben bestimmt etwas gemeinsam“.

Aus der Luft beobachte ich das urbane Gewirr zwischen Marmara- und Schwarzen Meer.

12 bis 15 Millionen Menschen sollen hier leben. So genau weiß das wohl niemand. Das muss man erst einmal verdauen. Wir kennen Metropolen wie L.A. oder New York City nur zu gut, aber die Zahl stellt alles in den Schatten. Als wir den Atatürk Airport mit der Tram verlassen, sind wir auf das Schlimmste gefasst, aber das Gewusel in den Vororten durch die wir fahren wirkt überschaubar. Es ist nicht so schlimm wie bei unserer Ankunft in Delhi vor drei Jahren und von daher bleiben wir gelassen und fühlen uns jetzt schon recht wohl. Ihr glaubt garnicht wie gut es tut, auf den ersten Metern in einer neuen Stadt nicht von Modeketten alla H&M, Zara und wie sie alle heißen, begrüßt zu werden. In den Vororten findet meist das authentische Leben statt, so wie wir es mögen, aber hier ragt es auch weit bis ins Zentrum.


Am Ende der Galatabrücke springen wir in Karaköy raus und müssen erst einmal steil den Berg rauf in Richtung Galataturm. Ich habe ein Privatroom im World House Hostel reserviert, das ist uns als Paar lieber als die üblichen 8-Bett-Zimmer in den Hostels. Etwas Privatsphäre muss nach einem langen Tag schon sein.

Dass das Hostel in der Nähe des Galataturmes ist wusste ich, aber als wir aus dem Fenster unseres Zimmer im separaten Guesthouse des Hostels gucken, lach ich mich schlapp. Der Turm steht einen Meter vor unserem Fenster. So viel zu Stadtblick.

Wir teilen uns unser schöne Altbauwohnung mit drei anderen Backpackern, was völlig Ok ist. Jeder hat sein eigenes Zimmer, lediglich Küche und Bad teilen wir uns.

Unser Viertel ist cool und unser heimlicher Mittelpunkt Istanbuls, der „Place to be“ sozusagen. In jeder noch so kleinen Seitengasse, in jedem Kellerloch verstecken sich winzige Boutiquen, Second-Hand-Läden und Teehäuser. Es gibt für mich nichts schöneres, als abends vor der Tür eines Teehauses in einer mit Graffiti verschönerten Gasse zu sitzen, Chai zu trinken und den Gesängen des Muezzin zuzuhören, wie er zum Gebet ruft. Oberhalb unseres Viertel beginnt die Istiklal Caddesi, eine der Haupteinkaufsmeilen Istanbuls. Sie führt rauf zum Taksim Platz und dem Taksim Gezi-Park, wo vor wenigen Monaten für dessen Erhalt heftig demonstriert wurde. Modern ist Istanbul hier, aber nicht schön. Hier versammelt sich das gemeine Partyvolk zum feiern.

Zuviel Moderne für uns, wir brauchen Geschichte und deshalb überqueren wir das Goldene Horn und tauchen in die Altstadt ein. Ich bin überrascht. Auch wenn sich hier wohl jede zweite Tourigruppe tummelt, kommt uns das Viertel sehr authentisch und nicht überlaufen vor. Vorbei an der beeindruckenden Yeni Cami, der neuen Moschee, geht’s über den Gewürzmarkt durch unzählige verwinkelte Gässchen zur Cisterna Basilica, einer sehenswerten unterirdischen Zisterne, die inzwischen wohl noch bekannter durch Dan Browns „Inferno“ist und in direkter Nachbarschaft zur Hagia Sofia liegt. Noch ein „Place to be“. Kein „Place to be“ ist dagegen der Pudding Shop nebenan. Zum Kult wurde der Pudding Shop als sich in den ´60ér und der frühen 70er Jahren europäische Hippies auf dem Landweg über den Iran und Afghanistan nach Indien durchschlugen. Der Pudding Shop, als letzte Station auf europäischem Boden, war Sammelpunkt vieler Traveller, die hier eine Mitfahrgelegenheit suchten um über Teheran und Kabul nach Goa oder den Himalaya zu gelangen. Die heutige Realität sieht anders aus. Wir sitzen im Pudding Shop, einem ganz normalen Imbiss, jede Minute stürmen Tourigruppen mit ihren Reiseführer herein um Fotos zu schießen und um noch schnell etwas Hippie-Spirit einzusaugen. Für uns heißt das Hippie-Spirit ade!!!

Die Altstadt rund um die Hagia Sofia und der Blauen Moschee, ist vollgepackt mit Sehenswürdigkeiten, ohne auch nur eine Spur zu touristisch zu wirken. Mein Highlight heute ist der Gülhane Park unterhalb des Topkapi Palast. Ein schöner und gepflegter Park. Im der hintersten Ecke des Parks findet ihr etwas versteckt, ein kleines Teehaus, besser gesagt ein Teegarten. Hier sitzt man am Steilhang über dem Zusammenfluß von Bospurus und Marmarameer, genießt seinen Schwarztee aus dem Samowar bei einem spektakulären Ausblick über das asiatische Istanbul und die Prinzeninseln und beobachtet Delfine. Wenige Touristen verirren sich jetzt im April hierher.

Am Eingang des Parks, finden wir in einer kleinen Gasse hinter der Hagia Sofia, ein etwas abgefahrenes Künstleratelier. Witziger Kerl, Netter Smalltalk und echt tolle Kunst. Geheimtipp für die Kunstliebhaber unter Euch!!!

Klar, jeder Istanbulbesucher will sich früher oder später Hagia Sofia und die Blaue Moschee ansehen. Hier konzentrieren sich alle touristischen Ströme, aber dennoch ist die Wartezeit für den fantastischen Bau der Hagia Sofia überschaubar und vor allem jede Minute wert. Einst orthodox, dann katholisch und wieder orthodox, später muslim. Das ständige Hin und Her hat Spuren von allen drei Religionen hinterlassen und in einem wahnsinnigen Architekturmix gebündelt. Direkt hinter der Hagia thront der mächtige Bau des Topkapi-Palast. Die Architektur ist beeindruckend, die Atmosphäre leider nicht. Es ist mir zu voll, zu hektisch. Die Massen an Menschen lassen jegliche Atmosphäre verpuffen, es flasht mich überhaupt nicht. Was wirklich ganz schön war, ist der Harem.

Nach so einer Überdosis internationaler Reisegruppen, passt es ganz gut mal wieder Teepause zu machen oder man sucht sich eine kleine und weniger bekannte Moschee und genießt die Ruhe.

Was mich wirklich verwundert und gleichzeitig etwas enttäuscht hat, sind die Händler des Basars. In den Souks von Marrakesch habe ich es geliebt zu feilschen, hier lässt man uns aber völlig in Ruhe und so richtig handeln will auch niemand. Dafür gibt es ganz versteckt, zwischen Lederwaren und antiken Einrichtungsgegenständen eine super Teestube. Hier in den Gängen zu sitzen ist Vergnügen pur. Wir zwingen uns immer zu entschleunigen um mehr mit den Menschen in Kontakt zu kommen und Istanbul mit seinen Teestuben macht es uns sehr leicht alle zwei Stunden Teepause zu machen. Mal in ganz alten Teestuben, mal auf Sitzkissen am Straßenrand und mal auf der Dachterrasse des Seven Hills Hotel zwischen Hagia Sofia und Blauen Moschee. Spektakulärer Blick, nicht zu spießig und echt nicht teuer!!!

Das öffentliche Verkehrsnetz in Istanbul ist super und vor allem super einfach. Kein Wunder bei 12-15 Millionen Menschen, die morgens zur Arbeit müssen. Das Prinzip ist simpel – ihr kauft für 4TL einen Token ( Plastikmünze) und öffnet damit das Drehkreuz zu Bus, Bahn und den Arbeiterfähren nach Asien. Fähre fahren auf dem Bosporus ist ein Muss. In 30 Minuten ist man auf der asiatischen Seite und sieht während der Überfahrt nicht selten Delfinschulen. Kadiköy auf der asiatischen Seite ist nett, nicht spektakulär aber nett. Vor allem lohnt sich die Tour wegen dem tollen Blick auf die Altstadt und dem Markt mit frischem Obst.

Vom Wasser aus sieht Istanbul herrlich aus. Als wir mit einer Fähre, an den Vorstadtvillen vorbei bis ans nördliche Ende des Bosporus fahren, halten wir im kleinen Fischerort Anadolu Kavagi. Zur Zeit entsteht hier am Eingang zum Schwarzen Meer, die dritte Bosporusbrücke. Der Ort ist sehr schön und man sieht bei einem Spaziergang zur Burgruine mal wieder etwas Natur. Man könnte fast vergessen, in der Nähe einer Megastadt zu sein, wenn nicht über den Hängen und Wäldern der Bosporusschlucht, die Glasfassaden der neuen Wolkenkratzer rausgucken würden.