Ladakh - Reisen im Land der hohen Pässe


Der Himalaya mit seiner buddhistischen Kultur war immer schon ein Sehnsuchtsort für uns. Länder wie Bhutan und Nepal übten schon sehr früh eine besondere Faszination auf uns aus. Nach Jahren der Sehnsucht und schon einiger Erfahrung mit selbstbestimmten Reisen, las ich immer mehr über verschiedene Trecks in diesen Regionen. Unser Problem: Wir haben ausschließlich im Sommer Urlaub, dann aber auch 5 Wochen am Stück. Nicht die allerbeste Zeit für Nepal, da der Monsum den Hauptkamm des großen Gebirges im besten Fall einnebelt, im schlechtesten Fall die Infrastruktur durch den täglichen Regen weggespült wird. Bhutan schied leider schon früh wegen der täglich zu zahlenden Steuern aus. Google sollte helfen das beste Tal zu finden. Wir fanden Tipps über das Langtang und Mustang in Nepal, Spiti Valley und Ladakh in Indien. Ladakh? Nie gehört!! Ladakh ist ein altes Königreich am obersten Zipfel des indischen Himalayas im Bundesstaat Jammu und Kashmir und liegt zum Glück am Nordsattel, was für uns bedeutet, dass uns hier der Monsum keinen Strich durch die Rechnung macht. Weitere Recherchen zeigten, dass Ladakh sich seine alte buddhistische Kultur erhalten konnte, was dem direkten Nachbarn Tibet leider immer mehr genommen wird.

Aber wie plant man eine Reise in ein Land in dem es kaum Straßen gibt? Mit Reisegruppen wollen wir auf keinen Fall reisen, das ist gegen unser Verständnis von freiem reisen. Mit viel Glück und guten Kontakten lernten wir über Facebook einen Ladakhi namens Namgail kennen. Er arbeitet oft für indische Veranstalter und kommt aus dem abgelegenen Zanskar Valley. Wir verstehen uns super, verbringen einige Wochen mit chatten und werden Freunde. Namgail übernimmt für uns das Organisatorische vor Ort, das ist schon einmal beruhigend.

wo Yak und Hindukuh sich Gute Nacht sagen“

 

Über Moskau und Delhi fliegen wir nach Leh, der Hauptstadt des Königreichs und landen auf 3400m Höhe. Zufrieden wie Hindukühe grinsen wir uns an als wir in dieser surrealen Welt landen. Es mag an der dünnen Luft liegen, aber noch nie habe ich mich wohler und heimischer gefühlt als hier. Unsere Kulturen sind gegensätzlicher wie sie nur sein könnten und doch spüre ich weniger Fremde als in allen europäischen Ländern. Man begrüßt uns überall mit „julley“, was von Hallo, viel Glück, bitte, einen schönen Tag noch... alles bedeutet. Ähnlich dem Aloha auf Hawaii. Die ersten Tage nutzen wir zur Akklimatisierung, denn unsere Trecks führen uns in den nächsten Tagen und Wochen auf über 5000 m. Leh ist der Wahnsinn. Wir verbringen viel Zeit in Klöstern, in Teehäusern und am nahegelegenen Indus. Im Zentrum von Leh sitzen wir abends auf einer Dachterrasse unterhalb der Königsburgund hören dem Muezzin zu, wie er zum Gebet ruft. Neben der buddhistischen Mehrzahl findet sich in Leh auch eine muslimische Minderheit. Viele Ladakhis lieben Fleisch, haben aber das Problem, dass sie bedingt durch ihren Glauben kein Tier töten dürfen. Karma eben!! Und da kommen die Moslems ins Spiel...

Eine win/win Situation.

von Lamas und Yaks. Das ist ja wie im Zoo hier“


Unser Treck startet in Photoksar, am Ende einer unglaublichen Schlucht des Zanskar River. Namgail hat für uns 14 Esel mit Donkeyman organisiert. Zelte und Essen für längere Zeit kann man in dieser Höhe nicht selber schleppen. Die Landschaft, die Leute und die Klöster sind unbeschreiblich und uns so ans Herz gewachsen. In einem Buch von Maria Blumcron las ich vor unserer Reise die traurige Geschichte der tibetischen Flüchtlingskinder, die von ihren Eltern über die Berge ins indische Exil geschickt werden, um abseits der chinesischen Unterdrückung, an den Schulen des Tibetian Children Village zu lernen. Eine Schule befindet sich in Choglamsar, einer Nachbargemeinde von Leh. Natürlich mussten wir dahin und waren sehr berührt. Die Kinder waren sehr aufgeregt, weniger wegen uns, sondern mehr wegen der Tatsache, dass der Dalai Lama himself in den nächsten Tagen einschwebt. Seine Schwester leitet die Schule.

Die Landschaft ist karg. Hier und da sieht man außerhalb von kleinen Höfen Gerstenfelder und einzelne Aprikosenbäumchen. Aus Gerste stellen die Ladakhis ihr Hauptnahrungsmittel Tsampa her. Zu Mehl vermahlen steht es auf jedem Tisch. Man tränkt das Mehl mit etwas Tee, formt es zu kleinen Teigbällen und isst es aus der Manteltasche über den Tag. Die versandeten Berge lassen erahnen, dass der Permafrost auf dem Rückzug ist. Die Flüsse haben sich tief durch die sandigen Hänge gefressen und hinterlassen an ihren Ufern gewaltige Sandsäulen. Nach einigen Pässen machen wir an einem Gerstenfeld rast als wir die krächzende Stimme einer steinalten Frau hören. Zumindest sieht sie steinalt aus. Sie trägt die traditionelle ladakhische rote Kleidung, verziert mit Türkisen. Ihre Haut ist sonnengegerbt. Wahrscheinlich ist sie viel jünger als sie aussieht.Sie erzählt Namgail, dass sie nicht sehen kann und ihre Brille bei einem Optiker in Leh ist. Die Abgeschiedenheit der Bewohner erfordert, dass man sich untereinander hilft. Man gibt vorbeikommenden Menschen Waren, manchmal sogar Baumaterial oder Geld mit um es bei Verwandten anderenorts abzugeben. Namgail macht ein Foto von der Frau, weil Namen hier nichts bedeuten. Jeder Zweite heißt hier Tensing, Tsering oder eben Namgail.Er will sich nach unserer Rückkehr nach Leh bei dem Optiker erkundigen. Ich bin sicher, dass er Wochen später die Brille geliefert hat.Phantastisches Vertrauensprinzip. Hier zählt noch ein Wort!!!

Das Wandern ist anstrengend, sehr anstrengend.Wir kämpfen uns mehrmals täglich über hunderte Höhenmeter auf über 5000m hohe Pässe und konzentrieren uns aufs gleichmäßige atmen. Hat man den, mit bunten Gebetsfahnen übersäten Sattel erst erreicht, ist man überglücklich, stolz, alle Strapazen sind vergessen und ist so voller Kraft. Das muss man auch, denn oft ist das nicht unser Ziel. Unsere Basecamps legen wir meist an den Einstieg eines Passes, damit die Esel Wasser bekommen und wir früh am Morgen steil bergauf müssen. Danach ist man wach.

von sturen Eseln und skandalösen Abstürzen“


Für zwei Tage campieren wir am Kloster Lingshed und werden immer wieder von Mönchen besucht. Der Lama des Klosters ist in uns vernarrt und bittet uns zu Buttertee und Tsampa. Auch in seine privaten Räumlichkeiten werden wir gebeten. Er bittet uns ihm ein Erinnerungsfoto zu schicken. Sein Name: Tsering Nurbu. So zumindest interpretiere ich, was er durch seine zwei verbliebenen Zähne pfeift. Er ist wunderbar.

Die Zeit vergeht so schnell. Oft sitzen wir abends lange mit Namgail zusammen und reden über Religion, unsere Kulturen und was wir von ihm lernen können, über alles Mögliche. Er beeindruckt mich sehr. Aufgewachsen ist er in dieser abgeschiedenen Welt, sein Alter kennt er nicht wirklich, ist nicht von Bedeutung und doch ist er so weltoffen und so gebildet, Bis vor wenigen Jahren opferte er jeden Morgen der Sonne etwas Wasser, war sehr gläubig, was er immer noch ist, aber nicht ohne verschiedene Dinge zu hinterfragen. Den Winter verbringen die Bewohner des Zanskar Valley mit dem Studieren der buddhistischen Schriften. Das ist es warum man verreisen sollte – man lernt wieder bescheiden und zufrieden zu sein.

Heute gibt es Probleme. Wir machten gestern den Fehler unserem Donkeyman einen Flasche Rum zu schenken...Schwerer Fehler!!! Er hat sie gleich aufgesetzt und weggezogen. Heute Morgen ist er voll im Arsch. Für gewöhnlich packen wir mit seiner Hilfe die Esel. Heute Morgen sind die Esel vor ihrem besoffenen Dompteur geflohen und nicht auffindbar. „Wird schon gut gehen“dachten wir, ist es auch Stunden später.


oh mein Gott, er leuchtet wirklich“


Immer wieder hören wir auf unserem Weg von Mönchen, dass der Dalai Lama irgendwann demnächst in der Nähe sein wird. Bei unserer Ankunft am Ende des Valleys in Padum haben wir durch unglaubliches Glück, die Ehre die Puja des Dalai Lamas zu besuchen. Seine Ordner bitten uns nach ganz vorne vor sein Podest um besser sehen zu können. Eine handvoll ausländischer Journalisten sind da, ansonsten nur betende Mönche, Einheimische und wir. Es ist unglaublich. Ich habe bisher esotherische Westler belächelt, aber seine Heiligkeit hat eine Ausstrahlung und Güte in seinem Wesen die berührt. Nach seiner Puja läuft die Gottheit in Menschengestalt lächelnd nur wenige Meter an uns vorbei, bevor er sich seinen Sessel zurecht rückt und ab nun Fragen beantwortet. Was würde man den Dalai Lama wohl fragen, wenn man die Möglichkeit hat? Mir fällt nichts ein und deshalb feiern wir lieber den Moment mit Tschang, dem ladakhischen Gerstenschnaps.

psssst - wird schon gut gehen“

 

Nach einigen Tagen in Karsha, dem Heimatort vom Namgail fahren wir mit dem Jeep den langen langen Weg zurück nach Leh. Lang heißt hier – zwei Tage Offroad durch schweres Gelände. Vorbei an den 7000ern Nun und Kun, durch das muslimische Kashmir, durch einzigartige Landschaften, vorbei an der pakistanischen Grenze, vorbei an Gletschern und vorbei an jahrhunderte alten buddhistischen Wandreliefen. Unser Fahrer schläft immer wieder ein und rast auf einen Felsen zu. Ich greife ins Lenkrad und biete ihm an weiterzufahren. Will er nicht. In einem wüstenähnlichen Tal sehe ich wie er einnickt und lasse ihn.“Ist eh kein Stein in der Nähe der uns stoppen könnte“

Wir freuen uns riesig wieder in Leh zu sein, aber nach Hause oder besser gesagt ins Chaos von Delhi wir echt nicht. Aber wir müssen und hoffen, dass wir irgendwann zurück kommen, in das Land der hohen Pässe, der Lamas und Yaks und der einzigartigen Menschen.

Meine Gedanken zu Ladakh:


Die kulturelle und landschaftliche Schönheit Ladakhs, sowie die Schönheit und Güte der Menschen, sind uns während unseres Trecks unheimlich ans Herz gewachsen. Ich kann nicht ansatzweise beschreiben, welche Wirkung die friedliche Atmosphäre in den Klöstern, den Dörfern oder auf den Pfaden in den Bergen auf uns ausübte. Vier Jahre ist unsere Tour jetzt schon her und doch denken wir sehr oft daran zurück.

Durch das Zanskar Valley führte vor vier Jahren noch keine Straße. Wir konnten aber auf einem Abschnitt sehen, dass damit begonnen wurde. Was die Menschen mobiler macht und ihnen die Arbeit erleichtert, macht es in Zukunft Besuchergruppen auch viel leichter das Tal zu besuchen. Ich hoffe, dass die traumhafte Kultur im Tal davon keinen Schaden nehmen wird. Wünscht man den Bewohnern wirtschaftlichen Aufschwung oder eher die Wahrung ihrer Kultur oder darf ich überhaupt darüber urteilen?